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    Pilgergefühle auf dem Jakobsweg

     Seit mehreren Jahren beobachte ich nun schon den zunehmenden Pilgerstrom am Jakobsweg, lese alles, was ich in die Hände bekomme und auch mich fesselt das Jakobswegbuch von Paulo Coelho. Eigentlich würde ich ihn ja gerne auch gehen, aber argwöhnisch hadere ich mit mir selber, dass er mir mittlerweile zu modern geworden sei. Die Ruhe, die ich suche, finde ich auf Wanderungen abseits der Touristenpfade hier besser und überhaupt, rede ich mir ein, ist es sowieso bei uns am schönsten.

    Und er lässt mich nicht los, der Jakobsweg, immer und immer wieder kreisen meine Gedanken um das Pilgern, sie verfolgen mich ständig, begleiten mich in den Schlaf und erwarten mich, wenn ich aufwache.
    Bis ich endlich nachgebe und beschließe, mich trotzdem auf den Weg zu machen. Ich könne ja jederzeit umkehren, beschwichtige ich mich selber, und überhaupt müsste ja niemand davon erfahren.

    Allein will ich gehen, pilgern will ich, erfahren, was das Besondere dieses Weges ausmacht.

    Und so beginne ich meinen Rucksack zu packen. Was braucht ein Jakobs-Pilger auf seinem Weg? Wie viel an Gewicht auf dem Rücken kann ich mir stundenlang, tagelang zumuten? Und dieses Rucksackpacken wird zur allergrößten Herausforderung meiner Jakobsweg- Erfahrung. Immer und immer wieder packe ich ein und aus und wieder ein und wieder aus, stelle mich zwischendurch mit vollem Rucksack auf die Waage, um dessen Gewicht zu kontrollieren, um schnell wieder auszupacken und meine Sachen aufs Neue zu sortieren.

    Paula Holzer - Meine PilgergefühlePaula Holzer - Meine PilgergefühlePaula Holzer - Meine Pilgergefühle

    Und dann kommt mir eine Geschichte in die Hände:
    Vor zweihundert Jahren besuchte einmal ein Reisender den berühmten polnischen Rabbi Hofetz Chaim. Erstaunt sah er, dass der Rabbi nur in einem einfachen Zimmer wohnte: Ein Tisch, eine Bank, und ein paar Bücher. "Rabbi, wo sind denn Ihre Möbel?", fragte er. "Wo sind denn die Ihren?", gab der Rabbi zurück. "Meine? Ich bin doch nur auf Besuch hier, ich bin auf der Durchreise."  "Genau wie ich", sagte der Rabbi.

    Es fällt mir wie Schuppen von den Augen und das Packen wird plötzlich leicht: heute gehe ich, was brauche ich heute? Es soll dies die wertvollste Erfahrung meines "camino", werden: nur mit dem Notwendigsten unterwegs zu sein, befreit, alles Überflüssige belastet, lenkt vom Wesentlichen ab, ist Ballast und diese Erkenntnis will ich mir auch für mein Leben nach dem Jakobsweg als "Erleuchtung" in alle Facetten meines Lebens integrieren.

    Tagelang unterwegs zu sein mit allem was ich brauche auf dem Rücken, - wie wenig es doch ist – erfordert Gelassenheit und Vertrauen. Es entsteht jenes tiefe Vertrauen, dass für alles was ich brauche gesorgt ist. Es ergeben sich immer gerade jene "Zufälle" (Zufälle?), zur richtigen Zeit am richtigen Ort das zu finden, was ich gerade brauche. Es ist die Erfahrung, dass es in und über mir noch etwas gibt, dem ich vertrauen darf, das mich nie im Stich lässt, das immer das Beste für mich will, wenn ich bereit bin, mich bedingungslos einzulassen.

    Die Freiheit, die daraus entsteht, bis in die innersten Fasern des Körpers zu spüren ist ein so tiefes und einmaliges Gefühl, dass es sich lohnt. Dieses Eins sein mit der Natur gibt so unendlich viel Kraft und lässt die Mühen und Strapazen, die das Pilgern unweigerlich auch bedeuten, nicht mehr als solche wahrnehmen.

    Pilger sind offen für das Unvorhersehbare, für das nicht Planbare und nehmen die Situation an wie sie ist. Es ist so wie es ist. Entweder ich habe die Kraft, die Situation zu ändern, - mit allen Konsequenzen- oder ich nehmen sie, wie sie ist, - auch mit allen Konsequenzen - und mache das Beste daraus.

    Der Pilger macht aus jeder Situation das Beste - ohne wenn und aber.

    Und daraus entsteht Ruhe, die sich ausbreitet, die fühlbar wird in jeder Faser des Körpers. Immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert zu werden, im Bewusstsein, dass alles gut ist, so wie es ist, lässt mich eintauchen in tiefste Gelassenheit.

    Stundenlanges Gehen, tagelang, bringt den Körper in jene Schwingung, in der sich der Schritt, das Tempo verselbständigt. Es geht mit mir, ohne dass ein "ich will", oder "ich sollte", oder "eigentlich müsste ich", sich in das Bewusstsein schiebt. Einfach gehen, gehen, gehen. Und dieses Gehen wird Meditation: im Gehen sich selber vergessen, ganz in diesem aufgehen, sich selbst transzendieren.

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    Gedanken kommen, ohne dass ich etwas dazu tue und gehen auch wieder, der Alltag ist so weit weg, dass die Perspektive sich verändert. Der Blickwinkel wird ein anderer und damit verschiebt sich auch die Wertigkeit, die ich den Dingen in meinem Leben beimesse. Wichtiges, vermeintlich Großes wird plötzlich lächerlich klein und Kleines ganz groß. Lösungen ergeben sich wie von selber. Vieles wird plötzlich so einfach und klar. Vielleicht ist deswegen das Pilgern der Weg zu vertrauensvoller Lebensfreude, weil es uns zeigt, dass nichts im Leben so todernst ist, wie wir es viel zu oft vermeinen, deuten zu müssen und dass es in jeder Situation einen Weg gibt. Es verschieben sich die Werte.

    Wenig, weniger, am wenigsten – ich brauche wenig um glücklich zu sein.

    Der Weg ist so lang, so unspektakulär, dass der Pilger Zeit hat, seine Aufmerksamkeit auf die Dinge zu richten, die ihm wichtig sind. Und unmerklich machen sie sich bemerkbar, jene Dinge, die das wahre Leben ausmachen, die mir das Gefühl geben mit allen Sinnen zu leben, aus denen ich, wenn ich meine Lebensbilanz ziehe, Kraft schöpfe und Sinn empfinde.

    Achtsam bin ich auf dem Weg, mit der Offenheit zu beobachten ohne zu urteilen, Situationen auf mich wirken zu lassen, sie einfach gut sein zu lassen, so wie sie sich mir begegnen, ohne Kritik, ohne Urteil, ohne Voreingenommenheit.

    Es sind die Menschen, denen ich begegne, die mich faszinieren.

    Es ist spannend sie zu beobachten: auf dem Weg, in den Waschräumen und Küchen, in den großen Schlafsälen der Pilgerherbergen. So oft ergibt sich ein Stück gemeinsamer Weg mit Menschen, die mich schon von der ersten Begegnung an beeindrucken. Ihr Gesicht, der Ausdruck ihrer Augen, die Körperhaltung verraten schon, dass es sich um ganz besondere Menschen handelt. Es sind oft kurze Begegnungen, einige Stunden gemeinsamen Wanderns, in denen ich eine ganze Lebensgeschichte erfahre. Ja, jeder ist mit seiner Lebensgeschichte unterwegs. Und dann trennen sich die Wege wieder.
    Manche Menschen treffe ich immer wieder, sie sind im selben Tempo unterwegs, andere sehe ich einige Tage nicht und irgendwann treffen wir uns irgendwo in einer Herberge wieder, kochen gemeinsam ein Abendessen und freuen uns. Mit manchen tausche ich die Adresse aus, andere vergesse ich schnell. Aus allen Erdteilen treffe ich sie und wundere mich, wie viele junge und alte Menschen aus den entferntesten Winkeln der Erde auf diesem Pilgerweg zusammenkommen.

    Wie kann sich das Wissen um den Jakobsweg so weit herumsprechen?

    Von der Universitätsprofessorin aus Sydney, über die Hausfrau aus Neufundland, den Unternehmer aus Apulien bis zu der Indianergruppe mit den Minitrommeln auf dem Rucksack und dem Schafzüchter aus Patagonien, treffe ich sie.
    Das junge Paar mit dem einjährigen Sohn, dem Esel und dem Hund ist seit drei Monaten auf dem Weg.
    Die Japanerin, die ich in Foncebadon kennen lerne, wo wir gemeinsam in der Kirche übernachten, weil wir keinen Platz in der Herberge finden, ist schon seit einem halben Jahr allein in Europa unterwegs. Der junge Mann aus Jamaika, den ich frage, wie er auf den Jakobsweg komme, meint, er finde die schönsten Plätze der Welt, weil er seinem Herzen folge. Eine junge Familie aus Vietnam, die drei Kinder sieben, neun und zehn Jahre alt treffe ich im Pilgerbüro in Saint Jean Pied de Port. Auch sie wollen sich auf den Weg machen, 6 Wochen lang haben sie sich Zeit genommen für ihr Abenteuer und die drei aus Bozen, der 75jährige Vater mit seinen beiden Söhnen, erzählen, dass sie jedes Jahr eine gemeinsame ganz besondere Reise unternehmen.
    Als der Vater 70 wurde, haben sie den Kilimandscharo bestiegen, und wir planen eine gemeinsame Skitour in den Dolomiten für den kommenden Winter.

    Viele schöne Gespräche entstehen wie von selber.

    Jeder hat seine ganz persönlichen Gründe, warum er sich auf den Weg gemacht hat. Das gleiche Ziel zu haben verbindet.
    Und auf unserem gemeinsamen Weg ist so viel Zeit zum Erzählen, zum Philosophieren.

    Am liebsten gehe ich allein. Oft entsteht in mir das Gefühl, mich selber zur Weggefährtin zu haben, ich fühle mich nie allein oder einsam und ich genieße das Zusammensein mit mir selber. Ich empfinde es als ganz großes Geschenk, allein sein zu dürfen, mir diese Zeit geschenkt zu haben.
    Wenn ich nun, nach so langer Zeit des Wanderns, zum ersten Mal vom Monte do Gozo aus über Santiago de Compostela schaue, die mächtige Kuppel der Kathedrale erblicke, so wird es zur Gewissheit, dass dies ein ganz besonderer Ort ist.
    Das Gefühl, das Ziel erreicht zu haben überwältigt mich , man muss es erlebt haben, beschreiben lässt es sich nicht.
    Es sind Tränen der Freude, die ich weine und tiefe Dankbarkeit und Demut fühle ich.

    Jakobsweg, - ein spiritueller Weg, der die Verbundenheit mit einem größeren Ganzen fühlbar werden lässt.

    Jakobsweg, - ein ganz besonderer Weg, kein Abenteuer, ein Lebensweg, ein sich einlassen auf den Weg zu sich selber, der in Berührung bringt mit Emotionen, mit Gedanken, mit Kraft, die ich erst auf dem "camino" spüren lerne.

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