Herbst
Ich sitze auf der Bank in der Sonne, lasse meine Gedanken schweifen,
während meine Aufmerksamkeit gefesselt wird vom rötlichgelben Blatt, das sich
vom Kirschbaum gelöst hat und langsam, ohne Aufhebens, der Erde zuschwebt: so
selbstverständlich, geräuschlos, still und ergeben, so als ob es nichts
Selbstverständlicheres gäbe, als loszulassen und sich fallen zu lassen. Und es
wird mir bewusst: Herbst ist.
Zeit der Fülle und der Ernte
Alles drängt nach Reife, nach Ernte, satt
und golden ist der Herbst, farbenfroh. Die Sonne sticht und blendet nicht mehr,
sie hüllt wärmend ein, schenkt Geborgenheit und Ruhe. Herbst ist. Was gesät
wurde, kann geerntet werden. Die Geduld wird belohnt. Die Abende, die nun lang
und länger werden, laden zu Geselligkeit und zu Gemeinschaft ein, zu Einkehr,
Rast und Ruhe. Auskosten und genießen. Alles beginnt sich nach innen zu wenden,
stiller zu werden, in die Tiefe zu gehen.
Loslassen und sich fallen lassen
Das Blatt kennt die Gesetze des Lebens,
auch der Baum und die Wurzeln lassen sich ein auf das Reifen und Sterben. Sie
hadern nicht mit ihrem Schicksal, weil sie sich dem Gesetz des Lebens hingeben,
das in allem und allen verankert ist. Uns Menschen fällt das Loslassen schwer,
auch das sich Fallenlassen. Es fehlt dieses Vertrauen, dass in jedem von uns ein
göttlicher Funke brennt, der seine Bestimmung lebt. Die Natur lebt es vor:
nichts klammert – alles fließt. Je mehr es auch uns Menschen gelingt, in jedem
Augenblick das Göttliche zu entdecken, uns einzulassen auf das was getan werden
muss, umso einfacher lebt es sich. Je weniger wir werten und urteilen, desto
weniger müssen wir kämpfen. Unendlich viel Energie wird frei, die sich in
Gelassenheit und innere Ruhe verwandeln kann. Weisheit entsteht.
Lebensweisheit. Die Entwicklung, die mit dem Geborenwerden beginnt, fließt
unmerklich, unaufhaltsam und erreicht im Sterben jenen Höhepunkt, aus dem heraus
sich Transformation ergibt. Der Kreis schließt sich wieder. Neues entsteht
wieder. Ohne Anfang, ohne Ende.
So einfach ist’s
Dankbarkeit ergibt sich. Erntedank und Lebensdank. Die
Natur lässt uns unendliche Fülle und Üppigkeit kosten. Bedingungslos ist gesorgt
für uns. Es reicht ganz einfach das Vertrauen, dass alles gut ist, wie es ist.
Dass zum Leben das Sterben gehört und aus dem Sterben das Leben wächst. Dass
sich aus dem Kleinen das für uns nicht fassbare Große ergibt. Wir hadern, weil
wir die Zusammenhänge nicht verstehen wollen. Weil wir nicht erkennen können,
dass es eine Ordnung gibt, deren Maßstab unser Denken übersteigt und der wir uns
nur ahnend und spürend nähern können. Die Natur lebt es uns vor – so einfach
ist’s.
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